Social Media Detox – Ein 7-Tage-Experiment

Wie ist es, auf etwas zu verzichten und festzustellen, dass man abhängiger ist als man dachte? Woran du merkst, dass du Social Media süchtig bist und was du tun kannst, um im Alltag mehr Zeit für dich zu gewinnen. Für die einen mag es kein Problem sein, für andere ist es eine Herausforderung. Wir stellen uns gemeinsam.

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Instagram, Facebook, Twitter: Bin ich süchtig?

Es war nicht das erste Mal, dass ich darüber nachdachte, meine Social Media Apps zu löschen und es ist irgendwie bezeichnend, dass mir Instagram selbst den finalen Anstoß gab, mich mit meinem Konsum von Sozialen Medien auseinanderzusetzen. Mirella Obert*, die mich seit einem Jahr auf YouTube begeistert wie keine andere, war diejenige, die in ihrer Instastory ankündigte, sich für eine Woche aus Instagram zurückzuziehen, um eine Social Media Entgiftungskur zu machen.

Könnte ich ja mal ausprobieren, dachte ich wahrscheinlich, als ich weiter und weiter wischte, tiefer und tiefer scrollte und es im Mahlstrom irgendwo zwischen einem Bild mit unnatürlicher Körperhaltung und einem mit einem perfekt eingerichteten und aufgeräumten Kinderzimmer vergaß. Irgendwann war Mirella wieder da und wir alle hatten genauso viel von ihr verpasst wie sie von uns: nämlich nichts.

Es machte – Klick –

Als ich kurz darauf an einem Sonntag Nachmittag Mirellas Video zu ihrer Woche ohne Social Media gesehen habe, hat irgendwas geklickt. Es hat so sehr geklickt, dass ich eine Stunde später beim Kochen selbst eine Story auf Instagram gepostet habe, in der stand, dass ich eine Woche lang detoxen werde. Das hatte zwei Gründe. Der dämlichere von beiden war, dass ich dachte, jemand könnte es mir übelnehmen, wenn ich auf ein in dieser Zeit gepostetes Bild nicht reagiere oder dass mir jemand Nachrichten schicken oder mich verlinken könnte und sich daraufhin wundern würde, dass ich gar nicht darauf reagiere. Wenn ich allerdings vorher gepostet hätte, dass ich nicht erreichbar sein würde, könnte mir ja niemand einen Vorwurf machen. (Ja, so ungefähr spielte sich das in meinem Kopf ab. Tada!)

Social Media Detox

Story auf Instagram – Bye Bye!

Der zweite Grund war allerdings gar nicht so dämlich und ein bisschen hobby-psychologisch. Ich dachte nämlich, dass, wenn ich schon ankündige eine Woche lang nicht online zu sein, sich die Leute wundern würden, die es gesehen hätten, wenn ich etwas von ihnen liken oder deren Stories ansehen würde. Klar ist es dämlich, weil es niemanden interessiert und am Mittwoch schon mal gar niemand mehr weiß, was ich am Sonntag gepostet habe. Aber es könnte ja sein. Die Hemmschwelle sich doch einzuloggen wird größer.
Also habe ich die Story gepostet und aus Reflex nach unten gescrollt. Erst nach ein paar Sekunden fiel mir ein, dass ich das ja eigentlich nicht machen wollte. Ein Grund mehr eine Zeit lang zu verzichten, wenn die kognitive Intelligenz beginnt der eines Goldfisches zu ähneln.
Das letzte Foto, dachte ich, als ich es schweren Herzens herzte, war eines von einer Bloggerin, die gerade ihr Baby bekommen hatte. Na wenigstens das verpasst du nicht, dachte ich, schloss die App und löschte sie von meinem Telefon. Daraufhin folgten Facebook, Twitter und der Facebook Messanger, den ich aber gleich wieder installierte, weil ich nur so manche Menschen in meinem Umfeld erreichen kann. Bisschen zu enthusiastisch gewesen. Pinterest durfte unter dem Vorwand bleiben, dass es nicht wirklich sozial ist und eher der Inspiration dienen würde. Irgendwelche Bilder muss ich scrollen, sonst drehe ich durch, dachte ich.

Mein Name ist Susan. Und anscheinend habe ich ein Problem.

Daraufhin folgte ein knallharter Entzug. Erste Erscheinungen traten schon auf, nachdem ich die Apps gelöscht hatte und das Smartphone noch in der Hand hielt. Wie viele Menschen und wer hatte meine Story schon gesehen? Bei dem Gedanken ertappt, legte ich das Smartphone erschrocken und wütend auf die Küchentheke: Wie süchtig bin ich eigentlich?

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Eine Instagram-Entgiftungskur kostet nur einen beherzten Klick.

Sehr süchtig. Nach der Ablenkung in der Küche mit Kochen und Harry Potter Hörbuch kam irgendwann der Herr Timo nach Hause und nachdem wir zusammen zu Abend gegessen hatten und fernsahen, musste ich schon wieder an die Story denken. „Timo, schau mal meine Story an!“, schlug ich vor. „Kann man sehen, ob sie schon jemand gesehen hat?“ „Aha.“, meinte Herr Timo. „Social Media Detox.“ „Eine Woche!“, ergänzte ich. „Das ist bestimmt gut.“, meinte er und merkte nicht einmal wie er routinemäßig ein paarmal nach oben wischte.

So sehe ich also dabei aus, dachte ich und erinnerte mich an alle Momente in denen ich minutenlang – manchmal noch mit Jacke an – im Flur stand, nachdem ich nach Hause gekommen war und erst einmal scrollte. Die Momente, in denen ich in der Küche stand – mitten im Raum – und swipte. Die Momente, in denen ich nachts – direkt vor dem Schlafen gehen – noch hunderte Eindrücke in mein Gehirn presste. Die Momente, in denen mir Bilder angezeigt wurden, die ich schon geliked hatte, aber an die ich mich nicht einmal mehr erinnerte. An die Momente, in denen ich nur auf die Uhr sehen wollte und aus Gewohnheit Instagram oder Facebook öffnete. An die Momente, in denen ich die App gerade geschlossen hatte und sie reflexartig gleich wieder antippte.

So much fun!

via Giphy. Künstler*in unbekannt.

In diesem Moment wurde mir klar, dass ich mich verhalte, wie jemand der regelmäßig und kontinuierlich auf Drogen ist. Es machte mir Angst und ich schämte mich sogar vor mir selbst. Das kann doch nicht sein, dass ich so bin. Obwohl ich glaube, nicht einmal so oft auf mein Smartphone zu sehen wie viele andere. Manchmal liegt es stundenlang irgendwo herum. Manchmal muss ich es suchen und finde es nur, weil ich über meinen Laptop ein Signal darauf abspielen kann.

Nach diesem Schock ging es besser. Es ist eine Woche, dachte ich. Nur eine Woche auf etwas verzichten, das absolut unnötig ist, das mir Zeit stiehlt und mich permanent in Relation setzt. Also bitte, Susan. Ich lehnte mich wieder zurück und sah fern. Später, als ich doch noch mehrmals reflexartig und aus Gewohnheit meine Fotos App öffnete, weil sie an die Stelle gerutscht war, an der vorher Instagram angeordnet war und immer wieder auf dem Home-Bildschirm von links nach rechts wischte, erschien mir mein Smartphone so nutzlos und langweilig wie niemals zuvor. Gleichzeitig bemerkte ich aber den riesigen Vorteil, den ich mir erhofft hatte, und von dem ich nie gedacht hätte, dass er sich so schnell einstellen würde: Ich hatte Zeit.

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Kopf gerade: 45° Winkel muss abtrainiert werden.

Wie das bei einem Entzug so ist, sind die ersten Tage, in denen die Wirkung des letzten Mals verklungen ist, die schlimmsten. Immer wieder wollte ich aus Gewohnheit die App öffnen, immer wieder sagte ich mir selbst: Nein!

Gewonnene Zeit und Platz im Kopf

Dann hatte ich das Gefühl, Platz in meinem Kopf zu haben, den ich wirklich gut brauchen konnte. Ich schaute trotzdem Videos, aber ich suchte sie mir auf YouTube selbst aus und unterwarf mich keinem Autoplay, das auf Facebook ein Video nach dem anderen abspielt oder eine Story nach der anderen auf Instagram anzeigt. Ich verbrachte immer wieder ein bisschen Zeit auf Pinterest, das mich nicht so einnahm wie die anderen Apps und das ich tatsächlich für Inspiration nutzen konnte. Ich suchte nach „Handlettering“ oder „Bullet Journal“, nach „Cat“ und „Illustration“, nach „Motivation“ und „Meditation“. Ich pinnte ein paar Einträge und schloss die App wieder. Ich nutzte sogar den Inhalt, malte Schriftzüge nach und schmunzelte über niedliche Katzen-Illustrationen.

An meinem Laptop öffnete ich Instagram, Facebook und Twitter auch nicht. Ich loggte mich überall aus und schaffte es auch allein durch Willenskraft, mich nicht wieder einzuloggen.

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Ich habe besseres zu tun als anderen dabei zuzusehen, wie sie das machen, was ich gerne würde.

Mittlerweile bemerkte ich, wie es mich sogar nervte, wenn mir auffiel, wie andere dastanden, so verloren, so völlig aus ihrer Gegenwart und ihrer Existenz gerissen mit dem Smartphone in der Hand, leerem Blick und ausdruckslosem Gesicht. Die Augen nur auf dieses kleine Rechteck geheftet, tief in dieser winzig kleinen Bildschirmwelt gefangen. Ich fühlte mich, als hätte ich eine von der Erkenntnis geknallt bekommen. Ich fühlte mich stark, weil ich die einzige war, die an der Bushaltestelle geradeaus blickte und mein Kopf nicht in einem 45° Winkel nach unten geneigt war. Ich war so stolz auf mich, dass ich schon merkte, dass nicht mehr viel fehlte um arrogant zu sein. Als hätte ich sonst etwas geleistet.

Demütig erinnerte ich mich daran, den Blick nicht auf die anderen, sondern wieder auf mich selbst und insbesondere in mich hinein zu werfen. Das war es doch, worum es gehen sollte.

Schon im Februar hatte ich wieder begonnen mehr zu lesen und nun hatte ich noch mehr Zeit dafür. Viel mehr Zeit. Ich beendete ein Buch und fing ein neues an. Ich hatte es immer bei mir, las fünf Minuten im Bus, fünfzehn Minuten in der Bahn, las jedes Mal, wenn ich mich irgendwo hinsetzte. Ich sah mir online Ted Talks an, arbeitete, nahm mir bewusst Zeit für eine Schale Kaffee bei guter Musik. Ich fühlte, dass es mir richtig, richtig gut tat zu verzichten, und merkte irgendwann gar nicht mehr so sehr, dass etwas fehlte.

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Wer weniger am Smartphone hängt, hat mehr Zeit für andere Dinge.

Am Samstag Abend fuhr ich mit dem Herrn Timo in der S-Bahn nach Hause. „Stört es dich, wenn ich am Handy bin?“ „Nö.“, meinte ich. „Willst du mitschauen?“ „Ok.“, sagte ich. Er öffnete Instagram und ich war erstaunt, wie interessant es plötzlich war. „Wow.“, sagte ich. „Das ist ja cool. Da ist ein Hund, der den Kaffee trinken will, ist ja witzig!“. „Ach ja stimmt.“, lachte Herr Timo. „Wie lange geht dein Detox noch?“ „Heute, aber ich schaue ja nur bei dir mit.“
Wir schauten zusammen Bilder auf Herrn Timos Barista-Profil an und ich war sofort im Modus. „Das solltest du liken.“, meinte ich als wir ein Latte-Art Video ansahen. Herr Timo likete. „Nicht so schnell scrollen, bitte.“, bat ich.

Digitale Schöne Neue Welt

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass mich so viele Bilder gleich so überfordern würden. Ich sah sie anders an wie vor einer Woche – ich sah sie wirklich an. Wir nahmen uns für jedes Foto ein paar Sekunden Zeit, wir unterhielten uns über manche Dinge, die wir sahen, wir entschieden gemeinsam, ob wir etwas liken sollten (– im Zweifel immer, denn es kostet ja nix und ich weiß so gut wie alle Digital Na(t)ives, wie sehr man sich über ein Like freuen kann).
Was für ein schöner Einstieg zurück in die Digitale Schöne Neue Welt, dachte ich, als die S-Bahn anhielt und der Herr Timo sein Smartphone zurück in seine Tasche packte.

Erstaunlicherweise installierte ich Instagram erst am Samstag Abend, obwohl ich vor einer Woche dachte, ich würde es gleich morgens wieder herunterladen. Aber morgens wollte ich schließlich lesen und in Ruhe meinen Kaffee trinken und den Tag über hatte ich auch genug andere Dinge zu tun. Abends nahm ich mir dann ein bisschen Zeit und schaute auf ein paar Profilen, was ich wohl so verpasst hatte. (Nichts.) Ich sah mir ein paar Stories an und erwischte als erstes gleich eine von einer meiner Lieblings-Storytellerinnen. Sie erzählte, dass ihr in der letzten Woche gar nicht nach Instagram zumute war und ich war ein bisschen froh, nicht einmal etwas von ihr verpasst zu haben.

Die Woche war für mich also ein voller Erfolg. Ich habe gemerkt, wie sehr ich an Instagram und Facebook gewöhnt bin, ich habe bemerkt, wie süchtig ich nach Social Media sein kann. Ich habe gelernt, wie schön es ist, die Zeit anders zu nutzen und wie gut es tut, nicht den ganzen Tag Bilder und Erfolge und bildschöne erfolgreiche Menschen auf gestellten Fotos zu sehen.
Das alles ist nun zwei Wochen her und ich habe mich bewusst dazu entschieden, nicht komplett auf Social Media zu verzichten.

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Nachdem wir uns selbst einer neuen Herausforderung gestellt haben, verändert sich oft die Perspektive. Auch bei etwas so Nichtigem wie dem Digital Detoxing.

Was hat sich also im Vergleich zu vorher geändert?

Was ich jetzt anders mache

Bis heute habe ich Facebook und Twitter nicht wieder auf meinem Smartphone installiert. Ich brauche es da einfach nicht. Ich schalte auf meinem Smartphone meistens erst irgendwann um neun den Flugmodus aus und bin nach dem Aufstehen erst einmal eineinhalb bis zwei Stunden offline. Abends schalte ich den Flugmodus manchmal auch schon an, bevor ich ins Bad gehe.

scrolling time by palerlotus

via giphy von palerlotus

Ich merke immer noch, dass ich bewusster mit den Inhalten umgehe als zuvor. Ich nehme mir mehr Zeit für die Fotos, die gepostet werden und entfolge den Accounts, die mich im Moment nicht interessieren. Je weniger Input, desto besser.
Ich stehe nicht mehr so oft wie ein Zombie in Türrahmen oder im Flur und starre gedankenverloren in diesen kleinen Bildschirm hinein. Wenn ich mich dabei erwische, höre ich sofort damit auf und lege mein Smartphone weg.

Ich kann dir eine Social Media Auszeit auf jeden Fall empfehlen. Und falls du denkst: „Das brauche ich nicht.“, dann rate ich dir, einfach auszuprobieren, ob du damit tatsächlich recht hast. Probiere es für 24 Stunden aus und passe die Auszeit an dich an. Welche Apps sind Zeitdiebe auf deinem Smartphone? Welche Apps lösen ein leichtes Unbehagen in dir aus? Instagram? Snapchat? Twitter? Games? Facebook?

Und falls du merkst, dass dir diese 24 Stunden doch schwerer fallen, als du ursprünglich vermutet hast, probiere es doch mal für eine ganze Woche aus. Fordere dich selbst heraus, stell dich der Challenge – und das einmal ganz alleine.

Lass es passieren

Susan

* 😏
** alle Fotos von mir in diesem Artikel sind gestellte Symbolfotos, die ich selbst gemacht habe, während ich so getan habe als würde ich verträumt aus dem Fenster sehen. Sie sind nur ansatzweise spontan und ich habe bestimmt 3x mehr gemacht als letztendlich im Blogpost gelandet sind.

 


 

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